Antifragilität Rezension

"Genie und Wahnsinn liegen sehr nah beieinander"

Rezession (Beurteilung durch bi-wiki.de):

Die Kerntheorie der Antifragilität wird auf über 600 Seiten sehr anschaulich und mit vielen Beispielen erklärt und dem Leser verständlich gemacht. Das Buch ist sehr spannend und mitreisend geschrieben und unbedingt zu empfehlen. Zeitweilig hat man die Vermutung, dass Taleb größenwahnsinnig ist, da er z.B. den Planeten vor der Zerstörung retten möchte, an anderen Stellen schreibt er so mißverständlich und klar über die Theorie der Antifragilität, dass dem Leser der Glauben kommt, dass es nur einen Ausweg gibt: Antifragilität jetzt sofort und überall umzusetzen. Trotzdem kommen ab und zu zwangsläufig Zweifel zur Theorie der Antifragilität auf, wenn in einem Kapitel Irrtum und Versuch geprädigt wird und andererseits die Fehler der Harvard-Wissenschaft als ein großes Übel geprädigt wird. Dann sind die einen gleicher als die anderen.

Ein paar Kritikpunkte sollten trotzdem erwähnt bleiben, die u.a. zu einem Punkt Abzug geführt haben:

  • Nassim Nicholas Taleb verwendet
    • unzählige Fremdwörter die nicht erklärt werden (man kann sich aber meistens auch ohne Wiki, Fremdwörterbuch oder Lexikon vorstellen was gemeint ist). Auf die Dauer ist das Lesen des Buches stückweise trotzdem etwas sehr anstrengend.
    • unzählige Beispiele aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medizin, Geschichte, Sport, usw. die nicht nur unzureichend zitiert werden. Für den Leser sind die Beispiele nicht nachvollzierbar aber durchaus unterhaltend. Der Spannung und der Untermauerung der Theorie ist dies sehr positiv gestimmt. Wer auf der Thoerie aufbauen möchte, sollte die Quellen prüfen (aufgrund der Menge ist dies sehr aufwendig).
  • Typisch für Intellektuelle (insbesondere Fachlieratur von Professoren) wie z.B. auch den Autor Taleb ist die Verwendung von langen Schachtelsätzen, siehe auch folgendes Zitat. Dies macht die Lesbarkeit zuweilen unnötig schwerfällig.

Zitat von Seite 178, letzter Satz oberes Drittel:

"Die Idee, die ich hier vortrage, sind nicht politischer Natur, sondern basieren auf Risikomanagement; ich fühle mich keiner einzelnen politischen Partei zugehörig, ich möchte vielmehr einfach die Vorstellung von Schädigung und Fragilität in das Vokabular einbringen, damit wir Strategien formulieren können, die sicherstellen, dass wir nicht zu guter Letzt den Planeten und uns selbst zerstören."

Dieser Satz ist ein gutes Beispiel für diese Buch.

  • Die Leugnung der politischen Motive ist ein Dauerthema in diesem Buch. Wenn man das Buch liest, dann beschäftigt Herrn Taleb weniger der erwähnte Hass gegen das Finzanzsystem (wird auch als Grund für Abscheu genannt), sondern vielmehr die politischen Bewegungen in Nahost, insbesondere in der Umgebung seiner Heimat Libanon. Die verschiedenen Handlungsstränge im Buch zeigen durchweg ein Zwiespalt zwischen Gesagtem / Geschriebenen und Gemeintem (Hervorhebungen / Belehrungen). Man spürt den inneren Hass des Autors gegen diese politischen Vorkommnisse und seine Handlungsunfähigkeit, jedenfalls bis zur Veröffentlichung dieses Buches.
  • Das Buch besitzt mehrere 'Handlungsstränge' bzw. Kernbereiche, die durchweg in nahezu jedem Kapitel  vorkommen und immer wieder aufgegriffen bzw. fortgeschrieben werden. Bezeichnend hierbei ist, dass in allen Bereichen ein extremer Zwiespalt existiert:
    • Theorie Antifragilität
      Dies ist ein klassischer Top-Down-Ansatz (Antifragilität wird in mehreren Top-Down-Clustern, wie Medizin, Politik, Wirtschaft, Sozialwissenschaft, usw. heruntergebrochen), trotz mehrmaligen Hinweisen einer Bottom-Up-Vorgehensweise.
    • Abgrenzung von Intellektuellen:
      Die Abgrenzung seiner selbst von Intellektuellen / der Mittelschicht / von der Harvard-Wissenschaft, usw. wird dauerhaft thematisiert. Er sieht sich eher als intelligenter Prolet (Bodybuilder-Körper, Bottom-up-Verfechter, usw.). Dies kann man anhand der geschriebenen Inhalte keinesfalls nachvollziehen. Anhand der Art und Weise aber auch der Inhalte passt Herr Taleb sehr gut in die Schublade Intellektueller, Mittelstand, (Harvard-)Professor, Wissenschaftler.
    • Hintergrundwissen, Beispiele/ Zitate (aus anderen nicht-zitierten Büchern)
      Herr Taleb bringt durchweg (gefühlt unendliche) Belege aus selbst gelesenen Büchern aus der Vergangenheit / Geschichte oder von Aussagen von Gelehrten an. Er schreibt zwar häufig, dass er nur verläßliche Quellen verwendet um die Theorie zu unterstützen. Aber zählen Bücher aus der Vergangenheit die nicht korrekt zitiert werden und deren Inhalte nicht nachweislich korrekt sind, zu einer verlässlichen Quelle? Die ein oder anderer Quelle scheint sehr selektiv ausgewählt sein oder inhaltlich nicht korrekt sein. Solche Kleinigkeiten werden aber die Theorie nicht ins Wanken bringen.
  • Hätte sich Herr Taleb auf die Beschreibung der Theorie 'Antifragilität' konzentriert und noch fehlende Details 'wissenschaftlich' recherchiert und niedergeschrieben, dann hätten durchaus 200 Seiten für dieses Buch ausgereicht. Das war aber definitiv nicht das Ziel für dieses Buch.
  • Was leider in seiner Theorie komplett fehlt ist der zeitlich Aspekt hinsichtlich der Antifragilität und der Schwarzen Schwäne. Warum gehört ein Schwarzer Schwan nicht zur Antifragilität (Zufallsereignis wie jedes andere auch), wenn man die Welt auf einem längeren Zeitstrahl seit dem Urknall aufzeichnet. Welche Bedeutung hat eine Finanzkrise, ein Weltkrieg oder gar eine Menschheit im Kontext "... den Planeten und uns selbst zerstören". Herrn Taleb geht es nicht darum den Planeten zu retten, sondern die Menschheit, insbesondere aber sich selbst und gegebenenfalls sein Geburtsregion. Dies gehört nach seiner Theorie in die Schulblade 'Fragilität'. Er ist somit nicht im geringsten ein positives Vorbild für seine eigene Theorie, sondern extrem fragil unterwegs.
  • Herr Taleb ist sich entweder dieser Gegensätze nicht bewußt oder er macht sich über die Leser diesbezüglich auf über 600 Seiten lustig. Egal welcher Hintergrund dahintersteht, für mich steht fest, dass hier Genie und Wahnsinn (Größenwahn: Planet vor Zerstörung zu retten) eng beieinander liegen.
  • Die Theorie bzw. das Konzept der Antifragilität ist in dieser Form der Aufmachung zweifelsohne eine wirklich bahnbrechende Idee und eine wirklich empfehlenswerte Literatur. Bei der Umsetzung der Theorie in die Praxis ist aber große Vorsicht geboten.

Bezug von Antifragilität zum Thema Business Intelligence / Unternehmenssteuerung

Das Thema Antifragilität kann man durchaus auch im Bereich der Business Intelligence (BI) bzw. der Unternehmensführung anwenden und zwar in vielen Facetten. Folgend werden einige Ideen beschrieben, die durch Antifragilität in der Business Intelligence eine höhere Effizenz und Effiktivität bringen könnten.

  • Anstatt ein zentralisiertes fragiles BI-System im gesamten Unternehmen anzustreben, wäre ein föderatives kontextbezogenes aus vielen Modulen bestehendes System, definitiv antifragil und weniger anfällig für Totalausfälle. Kurzfristig wären zwar die Kosten wegen akzeptierter und gewollter Redundanz größer, aber mittelfristig viel effizienter, da das föderative System weniger komplex ist, alte Module abschaltbar sind und teure technische Systeme für die Ausfallsicherheit aufgrund der akzeptierten Redunanz nicht benötigt würden.
  • Die BI-Governance sollte nicht alleinig durch ein übermächtiges zentrales 'inkompetentes' BI Competence Center (BICC) gesteuert werden, sondern auf mehrere Bereiche im Unternehmen verteilt werden. Durch die bessere Nähe beim wirklichen Geschäft, wäre die Akzeptanz in den Fachbereichen größer und Schatten-BI könnte stärker vermieden werden.
  • Das Scheitern von BI-Projketen sollte als Chance anstatt als Niederlage angesehen werden. Wenn sich ein Projekt nicht erfolgreich abschließen läßt, dann ist der Business Case für dieses Projekt nicht positiv. Unzählige Rettungsversuche würden im Gesamtkontext dem Unternehmen eher schaden, anstatt zu helfen. Das Ergebnis von gescheiterten aber dann doch noch geretteten BI-Projekten ist meistens eine Investitionsleiche, die von keinem Mitarbeiter sinnvoll genutzt wird.